Temmoku-Journal
Ereignisse, Begebenheiten, Gespräche in und um TEMMOKU

Verzeichnis
Nr. 1 – Können Tote untereinander und mit uns reden???
Nr. 2 – Die Taizé-Schale
Nr. 3 – Die Töpferin



Nr. 1

Können Tote untereinander und mit uns reden???

Plötzlich ein Schatten in der Werkstatttür, die offen steht. Draußen rauscht der Fluss. Ein Schatten im Rahmen. Oder soll ich sagen: der Schatten? Bin ich erschrocken? Jetzt löst sich ein Mann – es ist ein erster heißer Sommertag – aus seiner Silhouette und steht auch schon neben mir. Zu plötzlich, zu dicht. Meine Hände lösen sich von der Skulptur, an der sie gearbeitet hatten. „Ist das hier eine richtige Töpferwerkstatt?“, fragt er grußlos. Was heißt schon richtig, ärgere ich mich, sieht er nicht die vollen Regale? Ich antworte also nicht. „Stellen Sie auch Urnen her?“, fährt er fort.

NEIN!!! Die heitere Helligkeit des Raums, der schmeichelwarme Sommerduft, das Rauschen vom Wehr, an dem meine Werkstatt liegt, das lebendige Lächeln meiner kleinen Skulptur vor mir auf dem Modellierblock. STOP! GRENZE! PUNKT! Auf keinen Fall soll hier heute Schwarzes sein!

Aber..... inzwischen hatte der Mann, kleine zierliche Gestalt, schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarzer Hut, den Deckel von einer großen Schatulle, die er bei sich getragen hatte, abgeschraubt und ein dickes Bündel zusammengerollter Papiere herausgezogen. „Da!“, sagt er, „schauen Sie sich das mal an!“

Unentschlossen und widerstrebend nehme ich das Bündel und – weil ich es nun schon einmal in den Händen halte – entrolle ich es auf meinem Arbeitstisch. Die Überraschung, nein die Überrumpelung ist ihm gelungen! Ich bin von einer Sekunde zur anderen hellwach. Wenn ich überhaupt etwas erwartet hatte, so etwas gewiss nicht: ich blicke auf glasklare..... Perfektion! Whowwww!!! Fast die ganze Fläche des großen weißen Bogens füllend umreißt eine schwarze cirka 1cm breite durchgehende Linie den harmonisch ausgewogenen Schattenriss eines großen Gefäßes (unten spitz zulaufend auf einen Standring gesetzt, nach oben schulterbreit ausladend in einen halbmondförmigen Halsausschnitt mündend) ein „Gefäß“, dessen Form nichts bezweckend, aber alles ergreifend, schockierend und befreiend wie alles wahre Schöne mich in Besitz nimmt.......so schien es mir.

Jetzt – im Nachhinein – denke ich, dass ich vielleicht die letzten Tage und Wochen meine Nase zu oft und zu tief in meine ZEN-IKEBANA-Bücher gesteckt hatte, dass ich so hingerissen sein konnte. Aber alle Zeichnungen – es waren wohl 10 oder 11 – waren grafische Meisterwerke und eindeutig um die Annäherung an ein Formideal bemüht, dessen spiritueller Charakter eindeutig war. China? Japan? – rätselte ich wortlos beim Durchblättern.
„Korea“, sagte mein Besucher. „Wie bitte?“– „Korea!“, wiederholte er. „So sehen koreanischen Urnen aus. Höhe 50, Breite 40, 1 zu 1, können Sie so etwas machen?“
Und weil ich weiter schwieg, setzte er nach: „Ich sehe da doch auch so dicke Dinger!! Trommeln??“
„Naja...Udus...Senegal...“,brumme ich vor mich hin, eher mit mir selber als mit ihm redend...aber so breit???......Und zu ihm gewandt: „Können sich ihre Koreaner denn ihre Urnen nicht selbst machen???“
„Ja natürlich, klar“, lachte er, „aber die sind für die gedacht, die ihre Toten zu Hause zu Hause haben wollen!“
Jetzt war ich wieder ganz da. „Wie...Toten zu Hause...wie soll`n das gehen??? Das ist doch verboten!!!“ „Ja, ja, in Deutschland, aber anderswo nicht und wenn die Leute Geld haben erst recht nicht!“ „Aahh sooo...!“ dehnte ich.
„Hören Sie!“ sagte er unbeeindruckt, „die Urnen müssen richtig groß sein...nein...ja...nicht wegen der Aschedosen, bleibt ja nicht viel übrig von uns...haha...die sind nicht das Problem...Öffnung oben und Deckel normal...muss natürlich optisch zusammenpassen...aber die Anlagen und die Lautsprecher und die Akustik ...da muss schon richtig Platz dafür sein!!“
Ich verstand erst einmal überhaupt nichts:„Lautsprecher? Anlage? Akustik? Du Meine Güte! Was wollen Sie denn noch alles mit den Urnen machen?“
Er sah mich einen Moment mit zusammengekniffenen Augen misstrauisch an, ging dann aber an mir vorbei zu einem meiner Regale, nahm zwei größere Vasen von einem Bord und stellte sie in einigem Abstand voneinander vor mir auf dem Arbeitstisch auf.
„Hier“, sagte er, „in diese Urne kommt innen ein Sender-Empfänger-Modul rein, ja, und natürlich der Lautsprecher, hifi-quality, und da – er zeigte auf die zweite Vase – da das gleiche Equipment, wenn Sie so wollen, haben wir jetzt eine mobile Gegensprechanlage, die – einmal mit einem Impuls in Gang gesetzt – sich fortgesetzt gegenseitig aktiviert und zwar so, dass wir diesen Dialog wahrnehmen, hören können, vorausgesetzt jemand hat den programmiert.“
„Wer soll das sein?“ fragte ich, aber er ließ sich nicht stören. „Denken Sie an Musik. Der erste Impuls lässt aus der Urne Klänge ertönen, Musik, die der oder die Verstorbene geliebt hat, die Töne klingen, verhallen...Stille, vielleicht zwei bis drei Minuten, das ist viel, dann antwortet B usw. Denken Sie sich Worte, Dialoge dazu oder dazwischen, denken Sie sich drei Urnen, mehrere. Stellen Sie sich vor, dass diejenigen, die die Dialoge programmiert haben, die Toten sehr gut gekannt haben.“
Wieder hatte er mich in denkbar großes Erstaunen versetzt.
„Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf!“ hörte ich ihn noch sagen, dann lief mir ein Schauer über den Rücken, ich begriff. Die Idee, Tote zum Reden zu erwecken, war einfach zu fantastisch, um davon nicht bewegt zu sein. Mono-, Dia-, Trialoge , was wusste ich, dazu Programmierung, Installation, Serien, Export, viel Geld verdienen, dazu sein Reden von Formen, Farben, Glasuren und sonstigen Effekten, das musste bei mir jetzt überhaupt erst einmal richtig ankommen und im Schnellgang verarbeitet sein.

Seltsamerweise wurde ich dabei aber nüchternwären: Sterben, Tod, Schrecken, Trauer und Versöhnung als Performance zu denken, daran ist nichts auszusetzen...aber doch nur im Rahmen des guten Geschmacks, Respekts und der Pietät und das auch nur, wenn im Öffentlichen das Private durch das Allgemeine geschützt, verdeckt bleiben kann Dazu hatte er sich nur sparsam Gedanken gemacht.
Während wir hin und her redeten, begann ich mich an ein „Spektakulum“ von Kunst- und Musikstudenten im Sepulcral-Museum in Kassel zu mitternächtlicher Stunde zu erinnern: Nacht der Museen. 24 h. Unterhalb der umlaufenden Galerien auf der Freifläche des Forums eine simulierte Baustelle um etliche am Boden stehende rot und orangene Baulampen, jede mit einem deutlich lesbaren Namen. 12 Glockenschläge. Lautlose Stille. Ein Trompetensignal, langgezogen. Stille. Wieder 2, 3 mal. Stille. Von einer Empore Gesang. Eine klagende Altstimme singt ein Lied. In die Stille zwischen den Strophen wird laut ein Name gerufen, die mit den Namen beschilderte Warnlampe beginnt zu blinken. Gesang....Name.....Blinken. Zuletzt blinkt ein Lichtermeer von Lampen.
Damals habe ich keinen tieferen Sinn in der Symbolik dieser vielen Lampen sehen können außer dem naheliegenden. Irgendwann später wurde ich aber in einem Konzert überraschend noch einmal mit diesen langgezogenen Trompetensignaltönen konfrontiert. Sie kennen sie. Es sind diese herzzerreißenden Töne aus „The unanswered question“von Yves.

Liebe Leserin, lieber Leser, ich will Sie nicht länger mit den Nachdenklichkeiten eines Lehmbäckers über letzte Dinge strapazieren. Fragen Sie sich selbst (oder auch nicht), in welche Rolle Sie sich phantasieren müssten, wenn Sie ein glaubwürdiges Urnen-Kommunikations-Performance-Programm schreiben wollen sollten.
Je authentischer ... desto ... privatere ... desto ... persönlichere ... Trauer ... arbeit. Poet, Dichterin für das Unbegreifliche wären Sie allein.
Ach so... Wie die Geschichte weiterging? Ja, wir haben zusammengearbeitet. Ungefähr ein bis zwei Stunden. Ihm schwebten die großen Gefäße silber- und goldlasiert vor, ich versuchte, ihn von meinen mehr „asiatischen“ Glasurrezepten zu überzeugen (Vom Unterschied zwischen Lasur und Glasur hielt er nicht viel). Anzahlen wollte er nichts.
Ich habe in den Wochen danach zwei Gefäße gefertigt. Kleinere. Modelle. Die Form? Siehe oben, siehe unten. Die Glasur? Natürlich TEMMOKU – dieses weiche herzwärmende stille Japan-Braun, die Kanten schwarz brechend bei 1280 Grad, in einem zweiten Brand (850 Grad) mit zartem Goldsprenkel überlegt.

Er ist nicht wiedergekommen. Das macht nichts. Ich besitze jetzt zwei besonders schöne Vasen mehr und kann fleißig IKEBANA üben:



MU – das Universum in einer Blume (mit einer Vase).


MU – eine Blume in zwei Vasen. (Wenn Sie wissen, was ich meine).

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Nr. 2

Die Taizé-Schale

Wie kommen – Sie kennen ja Wort und Ort – Taizé und Schale zusammen? Ich gehe einen Umweg und frage: Was ist denn überhaupt eine Schale? Naja aber! – doch etwas ganz Selbstverständliches! Auf jeden Fall etwas ganz Praktisches ... ein Behältnis des Alltags ... denk ich.
Bei ihren bunten Verwandten – Tellern, Schüssel, Krügen, Tassen, Bechern, Kannen noch deutlicher: Form für (das) Leere, damit diese schnell ausgefüllt und um so schneller geleert werde usw.usf. ....so oder ähnlich und immer als Gestalt plus Outfit... in Einem! ...mit allem Geschick und Erfindungsreichtum von Kunst und Design, wenn man will durch die Jahrhunderte und Jahrtausende.
Auge Herz und Verstand wollen mittun, mitfeiern im Fest des Lebens.

Und unsere Taizé-Schale? Wie begegnet sie uns, wie zeigt sie sich uns? Und was für eine Funktion hat sie in dem reichen fröhlichen/armen trostlosen Treiben ihrer Brüder und Schwestern? Wie müssen wir sie uns überhaupt vorstellen als Form und Gestalt?
Vielleicht so: meine zwei aneinandergelegten Handflächen bilden eine flache Mulde, zwischen meinen beiden abgestreckten Daumen liegen 20 oder 25 Zentimeter, das wäre ihr Durchmesser, ihre Tiefe vielleicht eine Handbreite, insgesamt wirkt sie aber eher flach als tief, unsere Schale.
Ihr Job? Ihre Funktion? Was bringt uns eine Schale zu Tische? Fisch-, Gemüse-, Bratengenüsse u.o.ä.?? Schon möglich, aber bei genauerem Hinfühlen, Hinsehen eher doch nicht, nein, Schüssel, ovaler Teller, Terrine machen das besser.
Seltsam funktionslos steht unsere Schale zwischen all der zweck- und zielgerichteten Betriebsamkeit der Mahlzeiten und Feste, besonders wenn sie – beliebtes Bildmotiv aller großen und kleinen Malschulen – mit Obst (Äpfel Birnen, Feigen, Trauben) gefüllt – eher als Dekoration, weniger als zusätzliches Angebot – auf dem Tisch steht. In ein Stillleben greift keine gierige Hand.

So oder ähnlich jedenfalls begegnet uns die Schale: sie ruht...in sich selbst. Während Teller und Terrinen etc. um sie herum scheppern und klappern... schweigt sie. Als eine besondere Erscheinung verkörpert sie eine unsichtbare Mitte. Sie residiert. Eine Schale steht für Zentriertheit, bewusst oder unbewusst. Sie ist die Königin. Aber noch einmal seltsam: auch das ist ihr egal, so wie es ihr gleich gültig ist, ob sie aus Gold, Holz, Ton,Stein oder Glas ist. Immer verkörpert sie eine oder die zwei zusammengehaltenen Hände. Sie verleugnet ihre Herkunft nicht, immer ist sie Königin und Bettlerin zugleich.
Am Anfang war die Schale möchte man sagen, die aufgehaltene Hand, jedenfalls dort, wo dies als Sprachzeichen verstanden wurde. Die Schale wird eines der großen wirkmächtigen religiösen Ur-Symbole: die offenen Hände, flehentlich der Gottheit entgegengestreckt oder auch „nur“ als leeres Meditationsobjekt vor die eigenen Augen gehalten, Opferschale, Opferstock, Heiliger Gral usw. In das o.a. Stillleben fügt ein Maler ein umgestürztes Glas, roter Wein ergießt sich über die weißleinene Tischdecke, fast die ganze christliche Erlösungslehre in einem Bild.
Anders Ikebana, die berühmte japanische Blumensteckkunst. Wie ZEN ist sie hochspirituelles selbstverwirklichendes Bemühen um „Leer“-Werden von allen egomanen Gefühlen, Gedanken,
Leidenschaften bis zur „Erleuchtung“ (Meisterschaft), bildlich verwirklicht in sparsamsten Blumen- und Pflanzengestecken von sphärischer Schönheit. Träger dieser Gestecke... unsere Schale, hier z.T. bis zur Selbstauflösung stilisiert, dann aber auch wieder sehr plastisch körperlich präsent in fast genauso sprituell akzentuierter RAKU- oder ANAGAMA-Keramik.

Und nun unsere Taizé-Schale. Auf ihre Rolle, die Freude in den Taizé-Gesängen, -Liedern, -Andachten, -Meditationen, -Gebeten zu spiegeln, zu verstärken und vielleicht sogar zu stiften, ist sie (zugeben etwas „zweck-mechanistisch“) auf besondere Weise vorbereitet. Auf ihren Boden sind (nicht höher als die Schale tief ist) 9 bis 11 fingerdicke Röhren senkrecht aufgeschmolzen, in die – je nach Charakter des Arrangements – eine Fülle von Zweigen und Blumen u.ä. gesteckt ist.
Der Eindruck ist anders als der von allen anderen Gestecken in Krügen und Vasen: weil alles, was das „Prinzip Schale“ ausmacht, im Betrachter gegenwärtig, präsent ist, kann er die feurig-fröhliche Phantastik und den überbordenden Reichtum und die Fülle von Farben und Formen des Gestecks als ein Geschenk der Freude, das der Leere entstammt, dankbar annehmen und im Zusammengehen mit Gebet und Gesang als Freude weitergeben.
Man muss sich die Taizé-Schale als eine glückliche Schale vorstellen.

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Nr. 3

Die Töpferin
Wenn du am morgen
in blaue räume trittst...
pläne, ideen und formen,
ein fremdes von gestern
erwarten dich, werkzeug, gewiss
schlingen, schienen, erde auch wasser auch
dauerndes müssen mit solchen schwestern
...gestern...und...heute...und...über...
morgen in blauen räumen...
bist du geborgen.


DAS WEISST DU

Wenn du am mittag
fröhlich bunt lachende
leuchtend jetzt einkehrende
freunde begrüßt und genießt
...farben!!!...blütenfeier...das leben...:
freier! DAS WEISS!, freundlicher! GELB!,
sanfter noch! GRÜN!, stärker auch! BLAU!,
unheimlich schön dann das dunklere! ROT!,
farben meer...küsse..und...schmerzen
des wissenden herzens


SO FÜHLST DU

Spät dann der abend, wenn
reich du - prinzessin genug - ein
nachtfunkelndes schloss verlässt:
zauberglöckchen mondviole
elfenspiegel himmelsflöckchen
glaub es ROT im haar die anemone

DAS BIST DU

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